Deutschlands Standpunkt

Welchen Standpunkt nimmt Deutschland in der digitalen Bildung ein?

Durch die von den Ländern angeordneten, wochenlangen Schulschließungen zum Schutz der Bevölkerung vor Corona kommt digitalen Lernformen mit einem Schlag eine neue, tragende Bedeutung zu.

Einerseits steht die Frage im Raum, ob und wie Corona die digitale Bildung Deutschlands revolutionieren könnte: Wird das Erledigen von Aufgaben zu Hause über Lernplattformen danach einen festen Platz bekommen? Wie sieht der Schulalltag nach der Pandemie in der digitalen Bildungswelt aus?

Andererseits bringt die Corona-Pandemie Schulen an ihre digitalen Grenzen: Viele Schülerinnen und Schüler haben keinen Zugang zu Rechnern, es fehlen digitale Plattformen und obendrauf gibt es Unklarheiten beim Abitur.
Eigentlich sollte digitaler Fernunterricht, auch „E-Learning“ genannt, die Schulen durch die Corona-Krise geleiten. Doch dieser funktioniert bei weitem nicht überall im Land und vor allem nicht überall gleich gut.
Darum sind in diesen schwierigen Zeiten viele Schulen auf das Engagement von Lehrkräften und Eltern angewiesen. Doch sowohl die Lehrenden als auch Schüler*innen und Eltern zu Hause stoßen an ihre technischen Grenzen. Nicht jeder Schüler oder jede Schülerin beispielsweise besitzt zu Hause die Möglichkeit, die Materialien online abzurufen. Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnt mit Blick auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler*innen:

„Es wird zu massiven sozialen Ungleichheiten kommen. Oder vielmehr: Die immer schon vorhandenen Benachteiligungen werden sich verstärken.“

Angesichts dieser vielen Probleme, Unklarheiten und offenen Fragen erscheint ein Blick auf Deutschlands Standpunkt in der digitalen Bildung vor der Corona-Pandemie als ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Deutschland und die digitale Bildung - Zahlen und Fakten

  • Nicht einmal die Hälfte der Lehrkräfte (42%) verfügt über einen strategischen Rahmen, wie digitale Bildung im Unterricht Einzug finden kann.

  • In 73% der Fälle übernimmt eine Lehrkraft den technischen IT-Support an der Schule.

  • 99% der Schüler*innen wollen mehr digitale Themen im Unterricht.

  • 82% der Unternehmen finden moderne Ausbildung entscheidend für Wettbewerbsfähigkeit.

  • 30% der Achtklässler*innen haben nur rudimentäre digitale Kompetenzen.

  • 45% der Lehrkräfte verzichten auf digitale Medien aufgrund mangelnder IT-Ausstattung.

  • 75% der Schüler*innen würden Informatik als Pflichtfach begrüßen.

Deutschland und die digitale Bildung - Stand November 2019

Die am 5. November 2019 veröffentlichte internationale Vergleichsstudie ICILS 2018 (International Computer and Information Literacy Study) zeigt, wie gut Schülerinnen und Schüler aus Deutschland und elf weiteren Ländern auf ein Studium, auf die Berufswelt sowie auf ein Leben in der digitalen Welt vorbereitet sind.

Darüber hinaus ermöglicht sie es erstmals, eine Entwicklung der zwölf Teilnehmerländer im Vergleich zur ersten ICIL-Studie 2013 im Bereich der digitalen Bildung nachzuvollziehen.
Bezogen auf Deutschland zeigt die Studie, dass sich die digitalen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler kaum erweitert haben, obwohl Lehrkräfte deutlich häufiger digitale Medien im Unterricht einsetzen als noch vor fünf Jahren. Kein Wunder also, dass Deutschland sich im Vergleich zu anderen Ländern nach wie vor im Mittelfeld befindet.
Hingegen konnte Dänemark beispielsweise seinen Vorsprung von 2013 weiter ausbauen und gehört damit nun zu den Spitzenreitern der ICIL-Studie 2018.

Über folgende drei Bereiche gibt die Studie Aufschluss: 

Die gute Nachricht dabei ist, dass fast ein Viertel der Lehrenden in Deutschland digitale Medien täglich im Unterricht nutzt. 2013 waren es dahingegen nur knapp 10 Prozent. Doch die Lehrkräfte nutzen demnach nicht nur häufiger digitale Medien im Unterricht. Auch in den Lehrplänen spielen die digitalen Kompetenzen zunehmend eine größere Rolle. 

Dennoch bleibt Deutschland im internationalen Vergleich mit diesem Ergebnis weit hinter anderen zurück. Im Vorreiterland Dänemark beispielsweise setzen über 70 Prozent der Lehrenden tagtäglich digitale Medien im Unterricht ein.
Auch die Potenziale der digitalen Medien für das Lernen werden in Deutschland viel geringer eingeschätzt als in anderen Ländern. Laut der Leiterin der Studie in Deutschland, Birgit Eickelmann, muss in den einzelnen Fächern deutlicher herausgearbeitet werden, wie digitale Medien konkret das fachliche Lernen unterstützen können:

„Hier sehe ich eine der großen Zukunftsaufgaben. Der eigentliche Mehrwert wird von vielen Lehrkräften offenbar noch nicht gesehen und vielleicht auch daher noch nicht genutzt.“.

Darüber hinaus werden internetbasierte Zusammenarbeit der Lernenden sowie die Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen von Lehrkräften wenig genutzt, sodass Deutschland in diesen Bereichen im internationalen Vergleich weit abgeschlagen ist.

Dabei geht es beispielsweise darum, wie Informationen gefiltert, verifiziert und kommuniziert werden und ob die Jugendlichen in der Lage sind, ein sicheres Passwort zu erstellen oder den Rechner vor Viren zu schützen.

33,4 Prozent der getesteten Achtklässler*innen erreichen dabei nur die beiden unteren von fünf Kompetenzstufen und verfügen demnach lediglich über rudimentäre Fähigkeiten im Umgang mit neuen Technologien und digitalen Informationen. Dabei hat sich im Vergleich zur Vorgängerstudie aus dem Jahre 2013 kaum etwas verändert.
Auch die großen Unterschiede entsprechend der sozialen Herkunft sind weitestgehend unverändert geblieben. Demnach schneiden Schüler*innen aus weniger privilegierten Elternhäusern deutlich schlechter ab. Diesen Jugendlichen würden damit Berufs- und Lebenschancen in der digitalen Welt vorenthalten bleiben, so Eickelmann.
Unverändert ist auch die Disparität zwischen Mädchen, die in allen Bereichen der computer- und informationsbezogenen Kompetenzen bessere Ergebnisse erzielen, und Jungen.

Beim Computational Thinking wurde unter anderem untersucht, inwieweit Schüler*innen verstehen, wie Algorithmen funktionieren und inwieweit sie mit ihnen arbeiten können.

In den Lehrplänen der untersuchten Länder sind diese Kompetenzen erst seit relativ kurzer Zeit sowie in unterschiedlichen Maßen enthalten. In Deutschland ist dies gar nicht der Fall. Aus diesem Grund liegen die Schülerinnen und Schüler Deutschlands etwas unter dem internationalen Durchschnitt.

Deutschland und die digitale Bildung - Stand September 2017

Bereits im September 2017 zeigten die Ergebnisse des Monitors Digitale Bildung der Bertelsmann Stiftung, dass es trotz der grundsätzlichen Offenheit auf Seiten der Lernenden, Lehrenden sowie der Schulleitung auf dem Weg zur pädagogisch sinnvoll digitalisierten Schule noch einige Hindernisse zu überwinden gilt:

Darunter zählt allen voran, dass Digitalisierung von Lehrkräften und Schulleitern als neue Herausforderung angesehen wird, die es zu meistern gilt. Nicht einmal jeder vierte Lehrende glaubt, dass digitale Medien dabei helfen können, den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler zu verbessern. Entsprechend erkennen und nutzen nur wenige von ihnen das volle didaktisch-methodische Potenzial von Digitalisierung im Unterricht. Die Mehrheit der Lehrkräfte sowie der Schulleitung sehen stattdessen die Chancen des digitalen Wandels in der besseren Bewältigung administrativer Aufgaben.

Weiterhin haben die meisten Schulen weder ein Konzept für den Einsatz digitaler Lernmittel entwickelt noch reflektieren sie den digitalen Wandel als Bestandteil ihrer Schul- und Unterrichtsentwicklung. Zumeist entscheiden die Lehrkräfte selbst, ob und welche digitalen Medien sie im Unterricht einsetzen. Damit fungieren sie als Initiatoren des digitalen Wandels in Schulen, was zur Folge hat, dass das große Potenzial der der Digitalisierung als Treiber strategischer Schulentwicklung ungenutzt bleibt.

Fast 50 Prozent aller befragten Lehrkräfte sind mit der technischen Ausstattung an ihren Schulen nicht zufrieden. Auch fehlender IT-Support und mangelhafte Weiterbildung sowie schlechtes WLAN stellen laut Aussagen von Lehrkräften und Schulleitung Hürden auf dem Weg der Digitalisierung von Schulen dar.

Das beliebteste Medium zum Lernen sowie zum Lehren sind Videos. 76 Prozent aller befragten Schüler*innen nutzen Videos zum Lernen in der Freizeit. Auch 72 Prozent der Lehrkräfte verwendet dieses digitale Medium im Unterricht. Trotzdem wünscht sich die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler, im Unterricht öfter mit Videos zu arbeiten, da sie dies zum Lernen motiviert.

Laut dem Monitor Digitale Bildung nutzen Lehrkräfte digitales Lernmaterial vor allem dann, wenn es für sie kostenlos, geprüft und geordnet verfügbar ist. Knapp die Hälfte der Lehrenden bemängelt den großen Zeitaufwand, der mit der Suche nach gutem und geeignetem Material verbunden ist. Selbst erstelltes Lernmaterial wird meist nur in analoger Form und mit ausgewählten Kolleginnen und Kollegen geteilt.

Deutschland und die digitale Bildung - Fazit

Wie die aufgeführten und viele weitere Studien zeigen, schneidet Deutschland im internationalen Vergleich in Sachen digitaler Bildung mittelmäßig bis schlecht ab.

Für uns, die Deutschdidaktik der MLU, gibt es zwei wesentliche Punkt, die verändert werden müssten, damit Deutschland seinen Standpunkt in der digitalen Bildung verbessert: Einerseits wird eine entsprechende technische Ausstattung der Schulen benötigt. Nur wenn diese Grundlage über das ganze Land hinweg gleichermaßen geschaffen wurde, kann es gelingen, darauf aufzubauen und die digitale Bildung in Schulen weiter voranzubringen. 
Andererseits braucht es Weiter- und Fortbildungen für Lehrkräfte und Schulleitungen, 
um nicht nur technische Kenntnisse auszuweiten, sondern vor allem, um eine veränderte Sichtweise auf digitale Bildung zu bewirken. 

Wir empfinden es darüber hinaus als besonders wichtig, bei all diesen Maßnahmen stets im Blick zu behalten, dass der Einsatz von digitaler Bildung nur dann erfolgen sollte, wenn er einen pädagogischen Sinn erfüllt und nicht bloß um seiner selbst willen. Nicht zuletzt besteht die Bildungsaufgabe der Schulen auch darin, den Kindern einen kritischen Umgang mit digitalen Medien aufzuzeigen

 

Was benötigt Deutschland für eine erfolgreiche Digitalisierung?

Unser aller Alltag wird momentan entscheidend von dem Corona-Virus geprägt. Aufgrund der wochenlangen Schul- und Hochschulschließungen im Zuge der Pandemie kam digitalen Lernplattformen von heute auf morgen schlagartig eine neue Bedeutung zu. Dies stellt jedoch Schulen und Hochschulen, Lehrkräfte und Dozierende, Schüler*innen und Studierende sowie nicht zuletzt die Eltern vor bisher ungeahnte Herausforderungen und Probleme.

Vor allem die Schulen kommen in diesen schwierigen Zeiten an ihre digitalen und technischen Grenzen. Das geplante E-Learning funktioniert nicht überall im Land und vor allem überall nicht gleich gut. So kommt es auf das Engagement von Eltern und Lehrkräften an, das Beste aus der Situation zu machen.

Möglicherweise ziehen die Schulen und vor allem die Schüler*innen jedoch mit Blick auf die Zukunft einen Vorteil aus dieser Pandemie: Sie hat nämlich eindeutig gezeigt, dass Deutschland mehr für eine Digitalisierung der Schulen benötigt als „nur“ den Digitalpackt.

Doch was genau braucht es denn, damit Deutschland im internationalen Vergleich, wenn es um Sachen Bildung geht, mit Vorreitern wie Dänemark mithalten kann?

Medienbildung als erster Schritt in die richtige Richtung

Für viele Kinder und Jugendliche gehören soziale Medien zur alltäglichen Lebenswelt dazu wie das Zähneputzen. Eine Welt ohne Internet ist für viele von Ihnen gar nicht mehr vorstellbar. Sie informieren sich auf Blogs über die neues Ereignisse und bekommen ihre Nachrichten aus sozialen Netzwerken

Doch dies stellt junge Menschen vor ganz neue Herausforderungen: Sie müssen selbstständig Informationen, Quellen, etc. prüfen. Darin liegt gleichzeitig die große Gefahr, dass Kinder und Jugendliche auf bewusst verbreitete Falschmeldungen, sogenannte Fakenews, reinfallen. 

Diese Fakenews können Vorurteile schüren, Menschen gegeneinander aufhetzen und im schlimmsten Fall Wahlen beeinflussen. Spätestens seit dem US-Wahlkampf 2016 sind sie deshalb auch in aller Munde. 

Trotz der Wichtigkeit dieser Nachrichtenkompetenz zeigt die Shell-Jugendstudie 2019 deutliche Defizite bei Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren. Nur wenige von ihnen sind in der Lage, Fakten von Fakenews zu unterscheiden. Dies liegt vor allem daran, dass sie die Quellen ihres Wissens nicht weiter hinterfragen. 
Denkt man in diesen Zusammenhang über den Tellerrand der Schule hinaus, fördert die fehlende Medienbildung die politische Polarisierung und stellt damit eine Gefährdung für unsere Demokratie dar. 

Um ein Bewusstsein für den Umgang mit dem Internat und neuen Medien zu schaffen, liegt es nahe, Medienbildung als verpflichtendes Unterrichtsfach einzuführen. Doch neben einem Medienfach werden auch noch Fächer für Umwelt, Ökonomie und Inklusion vorgeschlagen. Offen bleibt, welche Priorisierung Medienbildung erhalte. Ganz davon abgesehen, dass für die Verwirklichung solcher Projekte und Ideen schlichtweg die Ressourcen fehlen.  

Digitalisierung braucht Fortschritt

Um die Digitalisierung der Schulen voranzutreiben benötigt es schlicht und einfach Fortschritt. Mit der Investition in Struktur und Technik ist bereits ein erster Schritt in die richtige Richtung getan. Doch das reicht noch lange nicht aus, denn die Probleme und Herausforderungen die mit diesem Fortschritt einhergehen sind viel komplexer und nicht unbedingt mit finanziellen Mitteln bestreitbar. 

Es werden neue Konzepte benötigt, die nicht nur den Umgang mit Technik betreffen, sondern auch, wie man diese nutzt. Digitalisierung basiert jedoch nicht nur auf neuen Konzepten, sondern vor allem auch auf einer Offenheit und Bereitschaft zur Veränderung

Auf Seiten der Lehrenden hingegen vollzieht sich oftmals ein linearer Entwicklungsprozess: Schule – Studium – Schule. Das Erlernen fachlicher Kompetenzen steht dabei im Vordergrund. Dadurch entfällt jedoch das Verständnis für die Praxis. Doch gerade dieser Blick in die Praxis sorgt oftmals für neue Impulse und zeigt den Schüler*innen, wofür sie das erlernte Wissen überhaupt benötigen. 

Fazit

Für eine gelungene Digitalisierung der Schulen benötigt es so einige Dinge. Dazu zählt unserer Meinung nach auch ein neues Rollenverständnis auf Seiten der Lehrenden. Sie haben es in der Hand, fächerübergreifende Projekte sowie Praxisbezogenheit in die Institution Schule und in den Unterricht zu integrieren. Damit wird den Kindern nicht nur ermöglicht, eigenständig und sozial zu handeln. Ihnen werden darüber hinaus komplexe Sachverhalte wie Datensicherheit, Fakenews oder künstliche Intelligenz greif- und erlebbar gemacht. 

Ziel dabei ist es, die Lernenden auf eine technologisch ausgerüstete Arbeitsbranche vorzubereiten. Fächerübergreifendes Denken wird zum entscheidenden Schlüssel in einer Welt, in der Berufe zusehends spezifischer und digitaler werden. Unserer Ansicht nacht bereitet die Institution Schule nicht mehr nur auf das Leben vor. Sie soll auf die Zukunft vorbereiten. Und dazu sind schließlich neue Konzepte, Ideen und letztendlich Fortschritt nötig.