Nachtrag: Deutschdidaktik im Dialog

Theater in Schule und Hochschule – Ein Streifzug durch die Bühnen von Kultur und Ausbildung

Am 04. Dezember des vergangenen Jahres kamen Lehrer*innen, Dozent*innen, Theaterschaffende und Studierende zusammen, um im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Deutschdidaktik im Dialog“ über die Rolle der Theaterpädagogik in Schule und Studium zu diskutieren.

Die eingeladenen Gäste Matthias Schwitzer (Lehrer am Elisabeth-Gymnasium), Sylvia Werner (Theaterpädagogin am nT), Ronny Jakubaschk (Regisseur und Schauspieler am nT) und Dr. Nico Elste (Dozent an der MLU) führten in ihrem anregenden Gespräch einen Streifzug durch die Räume, die sie ihre Bühnen nennen. Denn diese nutzen sie schließlich alle, um ihre Adressaten kulturell-, pädagogisch- sowie im wissenschaftlichen Sinne zu bilden.

„Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler,
sie treten auf und gehen wieder ab.“
(William Shakespeare)

Einige zentrale Fragen des Abends waren:

  • Welchen Nutzen haben Schauspiel, Pädagogik und Wissensvermittlung für das Lehren und Lernen in Schulen und Hochschulen?

  • Welche Rolle nimmt Theater und Theaterpädagogik in den Lehramtsstudiengängen im Fach „Deutsch“ ein?

  • Welche konkreten Aktivitäten diesbezüglich sind im Lehramts- bzw. Germanistikstudium bereits möglich?

  • Welche Intensivierungen dieser Aktivitäten sind noch machbar oder wünschenswert?

  •  Inwiefern ist der Schwerpunkt „Darstellendes Spiel“ im Lehrplan von Sachsen-Anhalt im Vergleich zu anderen Bundesländern verankert?

Ablauf des Abends

Bereits zu Beginn des Abends wurde den Teilnehmer*innen der Podiumsdiskussion so einiges abverlangt. Sie hatten nämlich nicht, wie üblich, die Aufgabe, sich selbst vorzustellen. Stattdessen sollten sie einen oder eine der jeweils anderen Teilnehmer*innen durch eine persönliche oder anekdotische Geschichte in das Geschehen einführen. 

Nachdem die Stimmung gelockert und das Eis gebrochen war, sollte jeder der eingeladenen Gäste auf dem Podium mit einem kurzen Statement seine Sicht auf die Dinge darstellen. Die folgenden vier Leitfragen dienten ihnen dabei als Orientierung:

  1. In welchem Konnex seht Ihr ganz allgemein „Bildung“ und „Theater“?
  2. Welche gesellschaftspolitische Verantwortung kommt Eurer Ansicht nach den Bildungs- und Kulturinstitutionen zu?
  3. Welchen Beitrag kann die Beschäftigung mit Theater zur Ausbildung von Lehrerpersönlichkeiten leisten?
  4. Welche Rolle kann und soll Theater im Fach „Deutsch“ in Schule und Hochschule spielen?

Vergleicht man die curriculare Verankerung des „Darstellenden Spiels“ im Lehrplan von Sachsen-Anhalt mit den Lehrplänen anderer Bundesländer wird deutlich, dass Sachsen-Anhalt diesbezüglich ein „Defizit“ aufweist.

In Baden-Württemberg beispielsweise stellt das Fach „Literatur und Theater“ einen „Beitrag zur kulturellen Bildung als konstitutiven Bestandteil des schulischen Bildungsauftrags“ dar. Die Schüler*innen gewinnen dabei einen speziellen Zugang zur Welt und lernen ästhetische Ausdrucksformen kennen. Darüber hinaus offeriert ihnen das Fach „Literatur und Theater“ eine Möglichkeit der Perspektivübernahme sowie die Teilnahme am kulturellen Leben (auch) außerhalb der Schule.

Auch in Bayern sollen mithilfe des Unterrichtsfaches „Theater und Film“ bei den Schüler*innen Toleranz und Offenheit für fremde Welterfahrungen etabliert sowie Wissen über die Wirkung von Sprache bzw. Körpersprache vermittelt werden. 

Demgegenüber gibt es in Sachsen-Anhalt kein eigenständiges Fach für die Vermittlung solcher Inhalte. Stattdessen obliegt dem Kernfach „Deutsch“ die Aufgabe, Inhalte wie die Auseinandersetzung mit Texten unterschiedlichster medialer Form abzudecken. Darunter zählt zum Beispiel auch, dass die Schüler*innen Theaterinszenierung analysieren sowie Theaterkritiken sichten, erschließen, bewerten und selbst verfassen

Zum Abschluss der Podiumsdiskussion sollten die Teilnehmer*innen noch einmal konkret Stellung zu den folgenden Fragen beziehen:

  1. Was wäre bezogen auf die Problematik der Theaterpädagogik in Schule und Hochschule in Sachsen-Anhalt idealer Weise zu tun (mittel- und längerfristig)?
  2. Was können wir alle konkret tun?
  3. Gibt es Modell-Vorstellungen der Umsetzung? Wie könnten diese aussehen?

Hintergrund

Seit vielen Jahren bereits arbeiten an der MLU Literatur- bzw. Sprachwissenschaft und Theaterpädagogik im Rahmen der Lehramtsausbildung für das Fach „Deutsch“ eng zusammen. 
Die Zusammenarbeit ermöglicht beispielsweise seit dem Jahre 2005 regelmäßige Theaterseminare in der Literaturwissenschaft. Darüberhinaus werden Theaterbesuche an Literatur- oder Altgermanistikseminare gebunden und es finden regelmäßig Gesprächsrunden sowie Seminarbesuche mit Mitarbeiter*innen von Halles Bühnen statt. 

Diese etablierte Kooperation eröffnete schließlich eine weitere Möglichkeit für einen vertieften Austausch mit gegenseitigem Nutzen. Schließlich fördert das „Darstellende Spiel“ neben theoretischen und theaterpädagogischen Aspekten auch die individuelle Persönlichkeitsentfaltung. Dieser Aspekt ist nicht nur für das Lehramtsstudium „Deutsch“, sondern vor allem für eine spätere Vermittlung im Deutschunterricht von großer Bedeutung. 

Doch leider stellt ausgerechnet Sachsen-Anhalt eine Ausnahme dar, was die Einbindung des darstellenden Spiels in die Lehrpläne angeht. Aus diesem Grund war eines unserer Ziele, mit dieser Veranstaltung auf „Defizite“ aufmerksam zu machen und eine perspektivische Änderung anzusprechen. 

Resümee

Es wird wohl vorerst eine Idealvorstellung bleiben, dass das „Darstellende Spiel“ eine explizite Verankerung in Form eines eigenständigen Unterrichtsfaches im Lehrplan von Sachsen-Anhalt finden wird.
Vor allem deswegen ist es jedoch wichtig, den Diskurs über die Theaterpädagogik in Schule und Hochschule weiter aufrechtzuerhalten. Aus diesem Grund möchten wir auch in Zukunft an gemeinsamen Projekten von Sprach- bzw. Literaturwissenschaft und Theaterpädagogik arbeiten, in der Hoffnung, durch die entsprechende Aus- bzw. Weiterbildung zukünftiger Lehrkräfte eine perspektivische Änderung zu erzielen. 

In diesem Sinne möchten wir uns ganz herzlich für die anregende Diskussion bei den Teilnehmer*innen Matthias Schwitzer, Sylvia Werner, Ronny Jakubaschk und Dr. Nico Elste bedanken!
Ohne Sie hätte dieser Abend nicht stattfinden können!