Rückblick: DGI-Forum Wittenberg 2019

Wie kann Künstliche Intelligenz den Bildungssektor verbessern? Kann sie das überhaupt? Welche Möglichkeiten, aber auch Gefahren und Risiken birgt der Einsatz von KI?

Mit diesen und vielen weiteren Fragen rund um das Thema „Künstliche Intelligenz in der Bildung“ haben sich die Teilnehmer*innen des diesjährigen DGI-Forums ausführlich beschäftigt. Vom 16. bis 18. September fanden sich Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen und Interessierte in der Stiftung Leucorea in Wittenberg ein, um sich mit diesem Themenbereich kritisch auseinanderzusetzen.

Fachvorträge, Präsentation und Workshops standen auf dem Programm der Veranstaltung. Dabei wurde das Thema von unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet. So ging es beispielsweise um das Verhältnis von Mensch und Maschine, die Bewertung von KI-Algorithmen oder aber auch um die Auswertung einer Online-Umfrage zum Thema „KI und Bildung“.

Dabei ist es kein Zufall, dass die Dialogveranstaltung vor allem auf KI und deren Bedeutung in und für den Bildungsbereich ausgerichtet war. „Künstliche Intelligenz“ ist schließlich das Thema des Wissenschaftsjahres 2019. Obwohl im Bildungswesen bisher ganz andere Punkte und Probleme weit oben auf der Agenda standen, ist genau jetzt der optimale Zeitpunkt, sich konstruktiv-kritisch mit KI innerhalb der Fachgrenzen und darüber hinaus zu beschäftigen. Denn eins steht fest:

Künstliche Intelligenz wird in Zukunft das Lehren und Lernen verändern.

Urheber: Prof. Dr. Matthias Ballod 

Dass Künstliche Intelligenz bezogen auf die Bildung momentan noch in den Kinderschuhen steckt, wird deutlich, wenn man die Ausschreibungen des Bundesministeriums im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2019 genauer durchleuchtet. Denn obwohl KI im Rahmen dessen von unterschiedlichsten Warten aus betrachtet werden soll, spielt das Thema „Bildung“ in diesem Zusammenhang eine sehr geringe Rolle.

KI ist zwar gesellschaftlich akzeptiert, aber noch lange nicht im Bildungswesen angekommen.

Neben der gesellschaftlichen Akzeptanz ist jedoch noch eine weitere, entscheidende Komponente von Nöten, damit der Weg für KI in die Schulen geebnet werden kann:

Die Technologien von KI nehmen Entscheidungen ab, sie automatisieren Entscheidung.

Dadurch bekommt die Auseinandersetzung mit dem Thema „Künstliche Intelligenz“ eine ganz neue Qualität. Eine Art Ethikkommission ist nötig, um die fortschreitende Entwicklung dieser Technologien und damit auch ihre Integration in den Bildungssektor gewährleisten zu können. 

Eine Schule, Schüler*innen und Hausaufgaben wird es weiterhin geben, doch die Entwicklung schreitet unaufhaltsam voran. Künstliche Intelligenz wird ein zunehmend wichtiges Thema für den Bereich der Bildung werden. Aus diesem Grund ist der Zeitpunkt für eine Diskussion rund um KI ideal.

Ein solch früher Diskurs ermöglicht eine Mitgestaltung der Entwicklung,

auch wenn viele Schulen momentan noch mit Problemen wie der Installation von WLAN zu kämpfen haben.

Im Zusammenhang mit diesem Diskurs werden wissende, gebildete, aber vor allem aufgeklärte Schülerinnen und Schüler benötigt. Es ist an der Zeit, ein neues Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Maschinen nur so klug sind wie der Mensch, der vor ihnen sitzt und ihnen eine Frage stellt.

Es ist die Aufgabe eines jeden Einzelnen, sich zu den Technologien zu verhalten und eine Meinung, einen Standpunkt auszubilden.

In Zeiten, in denen Alexa als Familienmitglied fungiert, wird es zunehmend schwieriger, den Menschen den Unterschied zwischen Technologie und Person bewusst zu machen. Deshalb muss sowohl ein Dialog zwischen Maschinen und Menschen, die sie nutzen als auch zwischen Lehrkräften, Kindern, Eltern, der Öffentlichkeit und allen weiteren Akteuren geführt werden.

Es muss ein Austausch darüber stattfinden, was wir bezüglich KI wollen und was nicht.

Was kann KI und was nicht? Was darf KI und was nicht?

Ermächtigung und Entmündigung durch KI in der Bildung

Urheber: Prof. Dr. Matthias Ballod

Die Diskussion um Künstliche Intelligenz wird oftmals mit einem Dualismus zwischen Ermächtigung und Entmündigung gleichgesetzt. Doch zu der vielschichtigen Problematik rund um KI einfach nur „Ja“ oder „Nein“, „Schwarz“ oder „Weiß“ zu sagen, greift zu kurz. Der Dualismus führt zwar zu einer Kontroverse um KI, die auch dringend benötigt wird, doch findet diese nur zwischen zugespitzten Positionen statt. Es muss jedoch eine Balance angestrebt werden. Der Dialog sollte da ansetzen, wo man das eine mit dem anderen verbinden kann:

Wann ist der Einsatz von KI für Eltern, Lehrkräfte und Schüler*innen sinnvoll?

Bekannte Roboter

Urheber: Prof. Dr. Matthias Ballod, Stefanie Klein 

Vorspann

Am 18. und 19. November des letzten Jahres fanden in Frankfurt die DGI-Praxistage statt. Nicht zuletzt ging es dabei auch um das Thema „Künstliche Intelligenz“. Im Rahmen der öffentlichen Sitzung der Fachgruppe „Bildung und Informationskompetenz“ kristallisierte sich eine Frage ganz deutlich heraus:

Was kann Künstliche Intelligenz für die Bildung leisten?

Damit einher gehen die Erwartungen und Wünsche, aber auch Hoffnungen und Ängste bezogen auf KI.

Im Anschluss dieser Tage wurden die Ergebnisse in Form eines Positionspapiers zusammengefasst. Dieses besteht aus neun Thesen, die eine grobe Handlungsempfehlung– bzw. einen Handlungsrahmen an die Hand geben sollen:

Positionspapier der DGI-Fachgruppe Bildung und Informationskompetenz:
Im Spannungsfeld von Künstlicher Intelligenz und Bildung

KI im Bildungswesen ist per se weder gut noch schlecht. Die fortschreitende Digitalisierung erzwingt jedoch eine Bewertung der Möglichkeiten und Grenzen von KI-Technologien im und für den Bildungsbereich – und dies immer wieder aufs Neue.

„Automation der Entscheidung“ als grundlegende Funktionalität der KI-Technologien führt zu einem herausforderndem Verlust von persönlicher Autonomie, der eine kritische Neubewertung der Mensch-Maschine-Interaktion vor dem Hintergrund einer demokratischen Gesellschaft erfordert.

Die Bewertung der Rolle von KI in Bildungsprozessen und -institutionen muss dabei die dynamischen Veränderungen durch die Digitalisierung in den Blick nehmen und zugleich Zukünftiges antizipieren. Dies bedeutet vor allem, KI-Algorithmen nicht nur anhand technischer Leistungsfähigkeit zu bewerten, sondern gesellschaftliche Auswirkungen ihrer Anwendung einzubeziehen. Daher müssen ethische Aspekte und Datenschutz ebenso wie relevante Erkenntnisse aus der Maschine-Mensch-Interaktion in die Bildungsdebatte einfließen.

KI im Bildungsbereich erfordert kontinuierliches gemeinsames „Gestalten statt Verwalten“! Künstliche Intelligenz ersetzt nicht die menschliche Intelligenz, sondern bedarf deren kontinuierlichen Kontrolle.

Der sinnhafte pädagogische Einsatz sowie der Umgang, auch das Wahrnehmen von KI-Technologien erfordert spezifische Fähigkeiten (cognitive literacy), die im Sinne einer Ausweitung des Konzepts der Informationskompetenz (information literacy) bereits in der Schule eingeübt werden müssen.

Die bisherige Geschichte der Lehrmedien warnt davor, die Technologie als Ausgangspunkt der Entwicklung zu setzen, diese Rolle müssen vielmehr Ziele und Aufgaben von Bildung einnehmen. Zentral ist daher die Forderung, dass die pädagogischen oder unterrichtlichen Ziele den möglichen und sinnvollen Einsatz von KI definieren und nicht umgekehrt.

Der Einsatz von KI-Anwendungen im Feld des Lernens umfasst viele Bereiche: Learning Analytics, Open Educational Resources, Gamification, adaptive und automatisierte Lern- und Testverfahren. Im Bereich von Individualisierung und Differenzierung von Lernprozessen liegen große Potenziale für KI-Anwendungen, wobei die sozial-affektiven Aspekte gemeinsamen Lernens nicht vernachlässigt werden dürfen.

Für den Einsatz von KI in der Bildung ist ein gesamtgesellschaftliches Konzept zu entwickeln, das in konkreten Bildungskontexten erprobt und optimiert werden kann. Dazu bedarf es eines breiten öffentlichen Diskurses, an dem alle Akteure zu beteiligen sind. Bildungspolitik und Bildungsadministration sind aufgefordert, diesen Prozess dezentral zu organisieren.

Aus Sicht der Informationswissenschaft und Informationspraxis gilt also:
Keine Künstliche Intelligenz ohne Informationskompetenz!

Online-Umfrage

Auch die Umfrage stand unter dem Titel „Künstliche Intelligenz – Was kann Bildung leisten?“. Insgesamt beantworteten von April bis August diesen Jahres 320 Teilnehmer*innen 10 Fragen zu dem besagten Thema. Damit ist die Stichprobe zwar nicht repräsentativ, sie gibt aber dennoch ein differenziertes Stimmungsbild der Befragten wieder.

Ergebnisse

  • Großer Nutzen für Individualisierung des Lernprozesses
  • Datenanalyse ist dabei nützlich und hilfreich
  • Lernen wird noch stärker zeit- u. ortsunabhängig
  • Weitere Differenzierung des Bildungswesens
  • Unterstützung der Lehrkräfte durch KI-Technologien
  • Niedriges Gefahrenpotenzial

„Software ist aber kein Ersatz für Kompetenz, Leidenschaft, Fleiß und Interesse bei Lehrern und Schülern.“

„ Bildung ist kein Algorithmus ; Bildung ist: Widerstände,
ungeplante Prozesse, Umwelt und sich selbst entdecken“

  • Datenschutz, Datenmissbrauch, Überwachung
  • Zweckentfremdung der Technologie
  • Reduktion von sozialer Interaktion
  • Verlust von Persönlichkeit / Denken / Nachdenken beim Lernen

„Es ist ein fatales Missverständnis, dass KI qualitativ hochwertige/n
Lehrkräfte/Unterricht ersetzt.“

„KI untergräbt meines Erachtens die Kreativität der Schüler*innen.
Das tun Lehrende auch – meistens -, aber das kann man als Schüler*in umgehen – kreativ.“

  • Potenziale zur Unterstützung des Lernprozesses und der Lehrperson
  • Entlastung der Lehrkraft bei Korrekturleistungen
  • Automatisierung und Individualisierung von Feed-back
  • Optimierung von Verwaltungsprozessen

„Ich kann mir aktuell keinen Ort vorstellen, den eine KI besser lösen kann als ein Mensch.“

  • Datenschutz und Transparenz der Entscheidung(en) wichtig
  • Paradigmenwechsel bei Lehr-Lern-Arrangements nötig
  • Förderung zum Umgang mit Technologie: Methodenkompetenz, Sozialkompetenz
  • Förderung der individuellen Auseinandersetzung: Kritisches Denken, Selbstreflexion

„Die Frage sollte sein: Wo kann der Einsatz von KI signifikante Verbesserungen erreichen ohne eine Gefahr darzustellen?“

„Die Verantwortung für das Lernen liegt immer bei den Menschen, den Lehrenden und Lernenden – ob mit oder ohne KI.“

 

Rückblick – Ausblick

Bereits in der Vergangenheit riefen neue Technologien ein neues Zeitalter des Lernens aus. Neue Medien ermöglichen schließlich erst ein Lernen auf eine ganz andere, neue Art und Weise. So birgt auch KI Potenziale und es ist nicht verwunderlich, dass viele entsprechend auf diesen Zug aufspringen wollen. Gleichermaßen hält mit modernen Technologien auch oftmals ein modernes Lernen Einzug. Doch unsere sich ständig weiterentwickelte Welt voller Technologien birgt auch Gefahren:

Probleme, die im Zusammenhang mit Medien entstehen, werden auch mit Medien beseitig.

An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob wir diese neue Technik überhaupt benötigen. Doch das ist der falsche Ansatzpunkt.

Stattdessen sollte man die Diskussion um den Lernprozess ins Auge fassen und nicht die Technologien der KI als Ausgangspunkt dafür verwenden, Bildung zu definieren.

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